Einfache Regel. Aber scheinbar nur bei vollen Kinos durchsetzbar. Auch wenn das viele Ein und Aus an den 13. Internationalen Kurzfilmtagen Winterthur zwischendurch ein wenig stark für Ablenkung sorgte, so war die geballte Ladung an kurzen Filmen dennoch stimulierend. Dabei gab es nur wenige wirklich kurze Filme zu sehen. 10 Minuten sind schon beinahe die Mindestdauer, 20-Minüter und längere sind auch nicht selten. Nun also Türen auf für die vier Programme, die ich mir gestern angeschaut habe.
Zum Auftakt gönnte ich mir einen Blick in den Internationalen Wettbewerb. Im 5. Programm waren sieben Filme zu sehen. Meine persönliche Rangliste: Den 1. Platz teilen sich «Caviar» («Icre Negre») von Razvan Savescu und «What’s Virgin Mean?» von Michael Davies. Der rumänische Regisseur Savescu schildert in «Caviar» liebevoll die Reise eines alleinstehenden Vaters und seiner 7-jährigen Tochter nach Bukarest. Dort verkauft er einer reichen Frau Kaviar. Seiner Tochter hat er versprochen, im Supermarkt einen kleinen Hund zu kaufen. Doch der Vater hat die Tochter noch aus einem anderen Grund in die Hauptstadt mitgenommen. Ruhig und mit sicherem Gespür für die Figuren erzählt.
Der wirklich kurze Kurzfilm «What’s Virgin Mean?» ist mehr oder weniger nur ein Witz. Ein Mutter bereitet in der Küche das Essen vor. Ihre Tochter sitzt am Tisch und malt friedlich. Da stellt sie unvermittelt die ganz einfache Frage nach der Bedeutung von einem besonderen Wort. Da beginnt die Mutter verzweifelt und verlegen von speziellen Dingern am Körper des Mannes und einem speziellen Ort am Körper der Frau zu reden. Die Tochter hört gebannt zu und stellt eine nicht wirklich überraschende Nachfolgefrage. Durch das Timing funktioniert der Witz aber dennoch.
Auch noch faszinierend ist «Terminal» von Jörg Wagner, der die Ästhetik eines Container-Terminals ins Bild rückt. Die restlichen Filme konnten mich nicht richtig begeistern. Der Dokumentarfilm «Vinterferie» von Camilla Magid ist ein wenig zu beliebig, der Animationsfilm «Dust Kid» von Jung Yumi zu abstrakt und «Les Astres Noirs» von Yann Gonzalez zu prätentiös unfassbar. Ein wenig geärgert habe ich mich über «The Rain Horse». Den Thriller von Sebastian Godwin über einen verantwortungslosen Vater und ein aggressives Pferd fand ich nur dämlich.
Darauf folgte «CHurzfilm 1», der erste Block des Schweizer Wettbewerbs. Die Beiträge in diesem Programm waren fast durchgehend ansprechender. Sind Schweizer Kurzfilme grundsätzlich besser als internationale? Meine Freude an den CHurzfilmen liegt wohl eher an den eigenen Ansprüchen. Im Vergleich zu den Werken im zuvor gesehenen internationalen Programm sind die Schweizer Kurzfilme meist zugänglicher und vor allem technisch besser umgesetzt. Beste Beispiele dafür sind «Connie» von Judith Kurmann und «Le petit dragon» von Bruno Collet.
«Connie» handelt von einem 14-jährigen Mädchen, dass irgendwo in einer öden Siedlung auf dem Land aufwächst. Während sich die Mutter am Swimming Pool sonnt, langweilt sich die Tochter grausam. Der Nachbarsjunge repariert ein Töffli. Drei Mädchen lauern Connie mit ihren Töffli auf. Da ist bald klar: Auch Connie braucht ein Töffli. Die eigentlich simple Geschichte wird von Kurmann stilsicher, ein wenig wie ein Western inszeniert. Die Hitze des Sommers und die Langeweile von Connie drücken sich in den knisternden Bildern aus. Von der Bruce-Lee-Hommage «Le petit dragon» habe ich schon am Fantoche geschwärmt.
Sehenswert sind aber auch die meisten anderen Beiträge. Den Animationsfilm «Chrigi» von Anja Kofmel habe ich jetzt schon mehrmals gesehen und sollte ich endlich einmal ausführlicher vorstellen. In kraftvoll gezeichneten Bildern erinnert sich Kofmehl an ihre Kindheit und den geheimnisvollen Cousin Chrigi, der Abenteuer erlebt und in Kroatien im Krieg stirbt. Im Kontrast dazu steht die Erzählstimme, die aus unschuldiger Perspektive die tragische Geschichte schildert.
Wunderbar entspannt zeichnet Corina Schwingruber Ilic in «I ovo je Beograd» ein äusserst sympathisches Bild von den Bewohnern der serbischen Hauptstadt. Besonders angenehm ist das rhythmische Zusammenspiel von Bild und Ton. Herausfordernd ist der Kunstfilm «After the Empire» von Elodie Pong, in dem sie sich ziemlich respektlos mit historischen Figuren wie Marilyn Monroe und Karl Marx sowie fiktiven Gestalten wie Batman & Robin und Minnie Mouse nähert.
Etwas unnahbar ist «Toter Mann» von Hannes Baumgartner. Er stellt eine ziemlich zerrüttete Familie in das Zentrum seines Films. Das düstere Drama ist zwar konsequent umgesetzt, für meinen Geschmack aber ein wenig zu trostlos. Dennoch bin ich immer noch von der Einstellung im leeren Schwimmbecken begeistert. «Las pelotas» von Chris Niemeyer lebt vor allem von einer cleveren Idee: Zwei Fussball-begeisterte Argentinier haben je einen Sohn. Der eine ist ein begabter Kopfballer, der andere verfügt über einen guten Schuss. Nun wollen die beiden Väter unbedingt einen talentierten Sohn zeugen und müssen nur noch ihre Frauen überzeugen. Amüsant, aber irgendwie nicht ganz schlüssig.
Da mich der Block des Internationalen Wettbewerbs alles andere als restlos überzeugt hatte, stellte ich danach mein Programm kurzerhand um und wandte mich den politischen Kurzfilmen im Sonderprogramm «Alte Ufmüpferli» zu. Meine beste Entscheidung des Tages. Als Einstieg zeigte «Der Rote Tag» von Robert Risler Eindrücke von einer 1.-Mai-Feier von 1934 in Zürich. Eine direkte Botschaft vermittelte der Film nicht, fasziniert aber durch die historischen Aufnahmen von Arbeitern in Anzügen.
Ein erster Höhepunkt war dann der Propaganda-Film «Mitenand gahts besser» von Adolf Forter nach einem Mauskript von Kurt Früh, der 1949 für die Einführung des neuen Bundesbeamtengesetzes warb. Die Star-Besetzung wird von Heinrich Gretler als Herr Mörgeli und Emil Hegetschwiler als Herr Hofer angeführt, die sich beim Angelausflug kennenlernen. Am nächsten Tag wartet Herr Hofer auf der Post in der Schlange und wettert über die faulen Beamten. Auf der anderen Seite des Schalter sitzt Herr Mörgeli. So werden auf humorvolle Art zahlreiche Vorurteile über Staatsangestellte behandelt. Aus heutiger Sicht durch die naiven Szenen noch viel witziger.
Zum Pflichtprogramm für jeden Bürger müsste eigentlich «La Suisse s’interroge» von Henry Brandt erklärt werden. Der Film war an der Expo 64 in Lausanne als Installation zu sehen und wurde von der Cinémathèque Suisse für die Kurzfilmtage zusammengesetzt. In prächtigen Bildern wird zuerst die idyllische Schweiz als Paradies gezeichnet. Doch dann tauchen die Probleme auf: ausgegrenzte Fremdarbeiter und Alte, verschmutzte Flüsse und verbaute Landschaften. Einige Probleme sind heute behoben, manche aber immer noch so dringlich wie damals. Als Abschluss vermitteln Aufnahmen aus aller Wert die Botschaft: «Dein Land gehört zur Welt». Ein Meisterwerk des politischen Films.
Weniger klar war die Botschaft in den beiden abschliessenden Filmen «Chicorée» von Fredi M. Murer und «Les débordants» von Jürg Hassler. Das Werk von Murer, dem «King of Cinema sans sou», ist ein wilder Experimentalfilm über den Künstler Urban Gwerder, der vermutlich die Marktwirtschaft anklagt. Da der Film allerdings von dadaistischem Geist geprägt ist, lässt sich eine solche Botschaft nicht eindeutig feststellen. Da stellt sich ein wenig die Frage, ob ein Film auch dann politisch ist, wenn die Botschaft durch verspielte Form die nicht mehr erkennbar ist?
Die gleich Frage stellt sich auch für den Dokumentarfilm «Les débordants». Jürg Hassler begab sich 1991 auf die Spur von Filmemachern aus den 70er- und 80er-Jahren, von denen einige an ihren eigenen Ansprüchen zerbrochen sind und sich teilweise sogar das Leben genommen haben. Im Film wird das an einer Stelle auf die übersteigerten Erwartungen an die Filmemacher zurückgeführt. Die Enttäuschungen der Filmemacher resultierten aber wohl eher aus der nicht erfüllbaren, wahnhaften Forderung, die Filmindustrie zu revolutionieren und die Künstlichkeit der Filmwelt auszudecken. An dieser Intellekualisierung der Filme scheiterten letzlich nur die Filmemacher.
Völlig unpolitisch beendete dann das Programm «Churzfilm 3» meinen fruchtbaren Kurzfilmtag. Mit «A côté» von Basil Da Cunha konnte mich schon in Locarno nicht anfreunden. Jetzt habe ich auch erkannt, wieso. Der Regisseur ist mit seiner Kamera viel zu aufsässig und lässt seiner Figur und dadurch auch dem Publikum keinen Raum. Ziemlich verspielt war dann das Musikvideo «One Up Down Left Right» von Jonas Meier und Mike Raths für das Jazztrio Rusconi, das ich hier eingebaut habe.
Ein höchst kurioses Spiel mit Genre-Konventionen bot dann «Der Mann, der nichts wollte» von Lorenz Suter. Seine Hauptfigur ist ein vollkommen ambitionsloser Mann, der auf Englisch von seinem trüben Leben erzählt. Seine Freundin spreche zwar viel, aber das störe ihn nicht weiter, weil er sie einfach ignorieren kann. Doch eines Tages sorgt die unharmonische Beziehung plötzlich doch fast für für seelisches Gleichgewicht. Inhaltlich ist dieser Film humoir ziemlich fantastisch, formal zwar nicht ganz ausgereift, aber dennoch ansprechend.
Im Stop-Motion-Film «Amourette» zeigt Maja Gehrig, dass sich Holzfiguren auf Schmirgelpapier besser nicht allzu ausgiebig dem Geschlechtsakt hingeben. Von Gehrigs Diplomfilm «Une nuit blanche» bin ich begeistert, für dieses Sex-Ballett konnte ich mich hingegen bisher noch nicht so richtig erwärmen. Etwas eindringlicher ist der Animationsfilm «Wolves» von Rafael Sommerhalder («Flowerpots»), der in reduzierten Zeichnungen die Urtriebe zweier Menschen in der U-Bahn aufheulen lässt. Stimmungsvoll, aber an einigen Stellen vielleicht ein wenig zu behäbig. Muss ich noch einmal sehen. Hier ein Ausschnitt:
Überwältigend war der Dokumentarfilm «Nid hei cho» von Thaïs Odermatt, für den sie bereits den mit 18’000 Euro dotierten Babelsberger Medienpreis 2009 für den besten Absolventenfilm in der Sparte Dokumentarfilm erhalten hat. Sie porträtiert die abgeschieden lebende Bewohnerin eines Bauernhofs in der Innerschweiz, deren Mann beim Wildern umgekommen ist. Ziemlich trocken erzählt die Frau von der Sucht, die ihren Mann auf die illegale Jagd getrieben hat. Der Coucousin des Verunfallten führt zur Stelle, an der er die Leiche gefunden hat. Nüchtern und doch packend enthüllt Odermatt eine urchige Lebensform.
Den grandios bizarren Abschluss lieferte «Ich bin’s Helmut» von Nicolas Steiner. Der Walliser fällt durch einen ganz eigenartigen Humor auf. Erzählt wird die Geschichte von Helmut, der gerade den 60. Geburtstag feiert. Aber nur, weil sich die Frau verrechnet hat. Eigentlich ist er erst 57. An der verfrühten Feier tauchen aus den unmöglichsten Orten Personen aus dem Leben von Helmut auf, die regelrecht die Fassade des bürgerlichen Lebens einreissen. Ein einfach herrlich absurder und treffender Schlusspunkt. Türen zu.