In a crazy city, if one is to survive has to be more crazy.
Wohnungsnot gibt es nicht nur in der Schweiz. Auch in Hongkong ist der Lebensraum beschränkt und die Traumwohnung – falls überhaupt vorhanden – meist unerschwinglich. Alte Häuser werden abgerissen, um Luxuswohnungen zu bauen. Regisseur Pang Ho-Cheung bediente sich dieser Ausgangslage, um den stark sozialkritischen und schonungslos blutigen Thriller «Dream Home» zu drehen. Entstanden ist der brutalste Film, den ich in den letzten Jahren gesehen habe. Die Gewalt in «The Last House on the Left» oder «Friday the 13th» sind im Vergleich dazu harmlos.
Gleich zu Beginn wird ein Wachmann mit einem die Atmung abschneidenden Band um den Hals gefesselt. Lösen kann er es nur, wenn er es mit einem Cutter durchschneidet. Doch dabei trifft er natürlich auch seine Halsschlagader. Schauerhaft. Danach geht es zunächst geruhsam weiter. Hauptfigur Cheng Li-sheung (Josie Ho) wird vorgestellt. Die junge Frau spart fleissig, damit sie sich eine Eigentumswohnung mit Meerblick leisten kann. Wieso muss es ausgerechnet eine Wohnung mit Meerblick sein, wundert sich ein Mitarbeiter. Das sei eine Besessenheit aus ihrer Kindheit, mein ein anderer.
Schon folgt die Rückblende in die Kindheit. Der Grossvater war früher ein Seemann und Li-sheung verspricht ihm, eine Wohnung mit Meerblick, damit er sich nicht mehr mühsam durch die Strassen zum Hafen kämpfen muss. Dann beginnen auch schon die grausamen Morde in einem noblen Hochhaus. Dazwischen wird weiter in die Vergangenheit von Li-sheung geblickt. Ihre Familie wird durch Gewalt aus den alten Wohnungen vertrieben. Es wird vermutet, dass die von Immobilienspekulanten angeheuerten Triaden mit der Regierung in Verbindung stecken. Später stirbt die Mutter, schliesslich auch der Vater. Als Li-sheung endlich genügend Geld zusammen hat, verlangen die Verkäufer einen höheren Preis. Da drehen bei ihr die Sicherungen durch.
Die in «Dream Home» gezeigten Morde sind also keineswegs geplante Hinrichtungen von potenziellen Mitbewerbern. Vielmehr handelt es sich um eine vollkommen spontane Frustreaktion. Pang Ho-Cheung betreibt sehr viel Aufwand, um die Motive und Hintergünde für diese Tat deutlich zu erklären. So viele psychologische Erklärungen lassen sich in andere Slasher-Filme für gewöhnlich nur sehr mühsam hineininterpretieren. In diesem Film sind sie aber tatsächlich beabsichtigt. Die Sozialkritik von Pang Ho-Cheung ist allerdings schon viel zu dick aufgetragen und teilweise trotzdem noch zu bruchstückhaft. Die Familienmitglieder von Li-sheung tauchen eher zufällig in der Geschichte auf. Zuerst lässt sich nicht einmal erahnen, dass auch noch ein Vater vorhanden ist. Der Grossvater verschwindet hingegen nach seiner ersten Szene gleich wieder von der Bildfläche.
Die Rückblenden bilden zwar einen hübschen Rahmen, sind aber irgendwie auch überflüssig für einen Film aus diesem Genre, in dem vor allem Blut fliessen soll. Stilsicher und abwechslungsreich inszeniert Pang Ho-Cheung dafür die elf Morde, einer davon an einer schwangeren Frau. In Locarno wird das Publikum jeweils gewarnt, wenn ein Film möglicherweise ein wenig schockieren könnte: «Certaines scènes peuvent heurter la sensibilité des spectateurs». Am Neuchâtel International Fantastic Film Festival ist eine solche Warnung überflüssig. Hier wäre das Publikum enttäuscht, wenn nicht regelmässig die Empfindlichkeiten verletzt werden. Diese Bedingung erfüllt «Dream Home» geradezu vorbildlich. Eine Auge wird ausgestochen und (unabsichtlich) zertreten, ein Bauch aufgeschlitzt, ein Kopf an einer Kloschüssel zerschlagen. Nackte Haut reizt die Sinne noch zusätzlich.
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