Sometimes I forget that this is all a dream.
Wenn es einen Regisseur gibt, der durch sein bisheriges Werk regelrecht dazu vorherbestimmt ist, die Geschichte von «Alice in Wonderland» weiterzuerzählen, dann ist das ganz bestimmt Tim Burton. Einzig Terry Gilliam könnte ihm den Titel des grössten Hollywood-Fantasten streitig machen. Doch durch seine meist märchenhaften Inszenierungen hat Burton ganz leicht die Nase vorne. Das beweist er auch eindrücklich mit seiner Fortführung der Geschichte von Lewis Carroll. Einzig die 3D-Effekte lenken ein wenig ab.
Schon einmal von Tweedledee und Tweedledum, der Cheshire Cat, Jabberwocky und Bandersnatch gehört? In ihre Welt hat sich das Mädchen Alice durch einen Sturz in einen Kaninchenbau in «Alice’s Adventures in Wonderland» und den Sprung durch einen Spiegel «Through the Looking-Glass, and What Alice Found There» verirrt. Seit damals sind einige Jahre vergangen. Die mittlerweile 19-jährige Alice (Mia Wasikowska, «Defiance») kann sich nur noch in ihren Träumen vage an die fantastischen Erlebnisse erinnern. Doch als an einer Gartenparty ihre Verlobung mit einem langweiligen Lord verkündet werden soll, wird sie plötzlich auf ein weisses Kaninchen aufmerksam. Sie folgt ihm und fällt wieder in einen Kaninchenbau.
Durch einen Trank schrumpft sie, durch ein Gebäck wächst sie. So dauert es eine Weile, bis sie den Schlüssel zur kleinen Tür vom grossen Tisch findet. Leicht gereizte Stimmen beklagen sich auf der anderen Seite, dass ihr die Situation doch bekannt vorkommen sollte. Oder handelt es sich vielleicht gar nicht umd die richtige Alice. Als sie schliesslich ins Wonderland tritt, wird sie zu Absolem (Stimme von Alan Rickman) gebracht, der blauen Schmetterlingsraupe, der ihre Identität feststellen soll. Von ihm erfährt sie, dass sie ins Underland (so heisst der Ort in Wirklichkeit) gerufen wurde, um am Frabjous-Tag mit dem Vorpal-Schwert den Jabberwocky (Stimme von Christopher Lee) zu töten. So ist es vorbestimmt im Kompendium und natürlich im Nonsense-Gedicht von Lewis Carroll.
Das ist nicht mehr wirklich das bekannte Wonderland aus den Erzählungen von Carroll. Und doch ist die Welt seltsam vertraut. So muss sich auch Alice von Tim Burton und Drehbuchautorin Linda Woolverton vorkommen, als sie wieder das seltsame Land in ihrem Unterbewusstsein betritt und den seltsamen Figuren wie der roten und der weissen Königin und vor allem dem verrückten Hutmacher begegnet. Burton hat für diese Figuren die wunderbaren Schauspieler Johnny Depp, Helena Bonham Carter und Anne Hathaway gewinnen können. Durch die technischen Möglichkeiten hat er seinem Lieblingsschauspieler riesige Augen verpasst und seiner Lebenspartnerin einen gigantischen Kopf aufgesetzt.
Die unkonventionelle Fortsetzung von Tim Burton ist ganz bestimmt nicht so bunt wie der beliebte Zeichentrickfilm von Walt Disney. Vielmehr ist es ein wenig eine Mischung aus «Charlie and the Chocolate Factory» und «Sweeney Todd», zauberhaft, aber auch leicht bedrohlich. Es handelt sich nicht nur um eine Fortführung der Geschichte von Carroll, sondern eben auch von den Motiven und Themen aus den bisherigen Filmen des Regisseurs, der sich stets mit den Grenzen zwischen Realität und Traum auseinandersetzt. Das wird schon in den einführenden Szenen deutlich, in denen Alice sich überlegt, wie es wohl wäre, wie die Vögel fliegen zu können, oder der zukünftigen Schwiegermutter vorschlägt, die weissen Rosen rot anzumalen. Solche Gedankenspiele werden von der Gesellschaft zurückgewiesen: «When in doubt, remain silent!»
So flüchtet sich Alice einfach in ihre Traumwelt. Dort hat es auch Platz für Unerklärliches, wie das unsinnige Rätsel des Mad Hatters: «Why is a raven like a writing-desk?» Obwohl Alice die Ereignisse ständig als Traum verharmlosen will, erfährt sie durch die Konfrontation mit diesen Figuren erst, wer sie eigentlich ist. Wie schon die unvergleichlichen Erzählungen von Carroll ist somit auch der Film von Burton ein Plädoyer für die unbändige und auch durchaus anarchistische Kraft der Fantasie. Ohne grenzenlose Vorstellungsfähigkeiten ist eine Weiterentwicklung der Gesellschaft nie möglich. Im Fall von «Alice in Wonderland» führt sie letztlich zur Emanzipation einer jungen Frau.
Im Gegensatz zu James Cameron in «Avatar» setzt Tim Burton die 3D-Technologie bedeutend zurückhaltender ein und verwandelte das Material auch erst nachträglich in die dritte Dimension. «Alice in Wonderland» ist nach «Avatar» und «Coraline» der dritte Film, den ich in 3D gesehen habe. Unterdessen kann ich sagen, dass ich genug davon habe. In «Coraline» war die zusätzliche Textur der Umgebung noch vorteilhaft, wenn aber Waffen und Schwänze von Na’vi ins Gesicht gestreckt werden oder Bücher und Insekten dicht vor den Augen vorbeischiessen, dann ist das nur noch störend und lenkt im Fall von «Alice in Wonderland» einfach von der bereits äusserst vielschichtig gestalteten Landschaft ab. Die Filme von Burton sind visuell und auch inhaltlich schon so plastisch, dass ihnen eine solche Spielerei nur schadet.
Fazit: «Alice in Wonderland» ist ein zauberhafter und überwältigender Ausflug in die Fantasie von Tim Burton.
Bewertung:
(Bilder: © Walt Disney Studios Motion Pictures)
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